Schreiben,  Schreibtipps

#6.1 Alte Liebe. Neues Glück.

Zugegeben, es gibt so manch eine alte Liebe, die man guten Gewissens nicht aufleben lässt. Aber wenn es um’s Schreiben geht, sieht das anders aus, das wissen wir.

Es passiert hin und wieder, dass eine Idee im Kopf aufploppt, die leider noch nicht an der Reihe ist. Bei mir war es die letzten Jahre ähnlich. Seit circa vier Jahren trage ich eine Geschichte mit mir rum, bei der ich dachte „Wow, das wird richtig richtig gut“. Doch ich hatte zu viel auf der Liste: Bachelor Thesis, Lovely Faces Band 1, dann kam K.I.S.A., meine Master Thesis, Lovely Faces Band 2. Für die Wow-das-wird-richtig-gut-Geschichte war einfach kein Slot frei und das war beinahe ein physischer Schmerz für mich, so sehr wollte ich sie schreiben. Also schrieb ich immer nur Szenen runter, die penetrant in meinem Kopf rumtanzten, um sie nicht verpuffen zu lassen.

Vielleicht war es bei dir ähnlich oder aber du hast diese eine Idee bewusst in die Schublade gelegt, weil du keinen Kopf dafür hattest.
Wie dem auch sei: Nun stehen wir beide hier, haben Zeit für das Schreiben eingeplant, haben den Kopf dafür … huch … du guckst nicht überzeugt?
Wieso guckst du nicht überzeugt?

Ich so:

 

 

 

 

 

Du so:

Okay … dann wollen wir diese Zweifel mal verscheuchen. Denn immerhin lässt dich die Idee nicht los, was ein gutes Zeichen ist. Manchmal ist es schwer, wieder zusammenzufinden, wenn eine Zeit vergangen ist. Wir entwickeln uns weiter und diese Entwicklung betrifft sowohl den eigenen Charakter als auch den Schreibstil. Letztlich las ich nochmal ein Projekt durch, das ich vor zwei Jahren beendete und selbst da fand ich Dinge, die ich heute so nicht mehr formulieren würde, was hauptsächlich inhaltliche Themen und Beschreibungen betraf. Diese Entwicklung kann dir das Gefühl geben, du und deine Geschichte haben sich entfremdet. Dem ist nicht so, glaub mir. Das bekommst du hin. Vor einigen Wochen war ich an einem ähnlichen Punkt und heute bin ich Feuer und Flamme für mein Projekt.

Vorher solltest du dir aber eins klarmachen: Möchtest du das hier? Möchtest du die Mühe aufbringen, dich dieser Geschichte zu widmen? Halten dich nur Zweifel auf?
Oder hast du wirklich absolut keine Muse, diese Geschichte zu schreiben und fühlst dich bloß gezwungen? Und ich spreche hier wirklich von einem intensiven, negativen Gefühl. Dann leg sie nochmal zur Seite. Du wirst es dir danken. Denn wenn du in diesem Modus beginnst zu schreiben und dann wieder aufhören musst, weil einfach nichts geht, macht es das nur schlimmer.

Gut, du bist noch hier. Heißt, wir gehen das zusammen an! Und so habe ich meine alte Liebe aufgefrischt:

  1. Bestehende Szenen lesen. Und zwar nicht nur ein Mal. Lies dir das Geschriebene durch, versuch dich daran zu erinnern, was du damals empfunden hast, als es entstand. Lerne deine Geschichte wieder kennen und lass das träumen davon wieder zu.
  2. Pinterest Pinnwand. Entweder du hast Pinterest und nickst jetzt wissend, weil wir beide die Sucht teilen – Pinterest ist ein schwarzes Loch. Oder aber du denkst dir „Pinterest? Hab ich aber gar nicht …“ – ja dann, zack zack! Pinterest hat man! Damit fängt der Spaß nämlich erst an. Du kannst nach Settings suchen, ob Landschaften, Häuser oder Wohnungen; du kannst nach Inspiration für deine Charaktere suchen; nach passenden Zitaten; nach sogenannten Writing Prompts, die inspirieren können. Pinterest ist das Schlaraffenland der Inspiration. Deswegen ist eine Pinnwand für das jeweilige Projekt das A und O.
  3. Musik Playlist. Wenn du keine Musik beim Schreiben hörst, darfst du den Punkt gerne überspringen – auch wenn dir was entgeht. Ich höre fast ausschließlich Musik ohne Text, da der mich sonst ablenkt und oft nicht ins Setting passt. Außer es geht um Lisa Gerrard, die passt immer. Stell dir also eine Playlist für deine Geschichte zusammen, die du fortan rauf und runter hörst. Das Kopfkino wird starten! Und sollten deine Gedanken abschweifen, lenke sie zu der Geschichte zurück. Nur darauf liegt der Fokus, wenn du die Playlist hörst.
  4. Bestehende Szenen neu schreiben. „Anna, was redest du denn da?“ Du liest richtig, die Szenen, die du wieder und wieder lesen solltest, schreibst du jetzt neu – am besten in einem anderen Dokument oder zumindest einer neuen Seite. Über diese Theorie bin ich vor Jahren gestolpert, leider habe ich den Namen vergessen … Es geht darum, bereits Geschriebenes aus dem Gedächtnis nochmal niederzuschreiben. Das ist besonders hilfreich, wenn sich dein Schreibstil verändert bzw. weiterentwickelt hat. Du wirst den Inhalt der Szene übernehmen, aber automatisch in eine neue Form gießen – und zwar in die, die nun besser zu dir passt. Du kannst diese Herangehensweise auch stellenweise nutzen. Sollten dir einige Absätze gefallen wie sie sind, füge sie unverändert zwischen die Neuen ein.
  5. Plot nochmal überarbeiten. Es kann der Fall eintreten, dass auch der Plot nicht mehr ganz stimmig ist. Jeder plottet auf unterschiedliche Weise, manche plotten sogar gar nicht … ich weiß, verrückt … Wie du weißt plane ich meist nach der 7-Punkt-Struktur und anderen Methoden, die ich hier aufgelistet habe. Bei dem aktuellen Projekt habe ich mir nochmal die Zusammenfassung durchgelesen, die ich damals schrieb und habe dann aus dem Kopf Kapitel für Kapitel geplottet. Dabei sind noch einige neue Szenen entstanden, auf die ich mich schon sehr freue. Ein bisschen frischer Wind ist nämlich immer gut.
  6. Rede darüber. Es kann unangenehm sein über eine rohe Geschichte zu reden, aber legen wir das ab. Keine Geschichte ist am Anfang perfekt oder sagen wir es anders: gerade weil sie unperfekt ist, ist sie perfekt. Nur so hast du die Chance, noch daran zu arbeiten. Und was gibt es Schöneres, als darüber zu reden? Über die Handlung, das Setting oder über bestimmte Charaktere. Über Lücken, die noch bestehen oder Handlungsstränge, auf die du stolz bist. So wird alles lebendig! Vielleicht findest du jemanden, der selbst gerade eine Geschichte beginnt und ihr tut euch für einen Austausch zusammen.
  7. Schreib, worauf du Lust hast. „Aber Anna, das sieht dir gar nicht ähnlich!“ Jaaa, ich weiß. Ansonsten bin ich, neben wenigen Außnahmen, eher für das chronologische Sschreiben. In diesem Fall, können wir auch mal vom gewohnten Weg abkommen, bis uns wieder die unaufhaltsame Motivation für diese Geschichte gepackt hat. Und um die zu entfachen, widmen wir uns den Szenen, mit denen wir im Kopf bereits mehr als liebäugeln. Schreib also, worauf du Lust hast, egal, wann die Szene kommt. Ob Landschaftsbeschreibung, ein spritziger Dialog, eine Handlung mit einem Nebencharakter, der es dir angetan hat. Sobald du merkst, dass du Feuer gefangen hast, kehre zu deiner üblichen Schreibweise zurück. Bei mir heißt das: chronologisch.

Nun, das sind erstmal einige Punkte, die du abarbeiten kannst, um dich deiner alten Liebe wieder anzunähern. Schnell wirst du dich daran erinnern, wieso du überhaupt mal so in sie verliebt warst. Falls du aber immer noch mehr Motivation und Inspiration brauchst, schau doch mal bei diesem Schreibtipp vorbei.

FRöhliches Schreiben … beziehungsweise fröhliches Verliebtsein!