Schreibtipps,  Überarbeiten

#4 Überarbeiten oder: mit dem Manuskript in den Ring steigen

 

ENDE!

Wie schön ist das Gefühl, das dich durchströmt, wenn du dieses Wort unter dein Manuskript schreibst. Der letzte Satz ist geschrieben. Das Abenteuer vorbei. Der Cliffhanger bricht selbst dir das Herz. Jetzt ist deine Geschichte bereit das Licht der Welt zu erblicken!

Oh nein … ganz falsch. Denn ENDE heißt nicht fertig und ist noch lange entfernt vom “perfekten Ende”, denn mach dir eins klar: die erste Fassung ist Mist! Immer. Ohne Ausnahme. Und noch eins: die richtige Arbeit fängt jetzt erst an. Es gibt einen Grund, warum sich viele Autoren allein bei dem Wort “Überarbeiten” unbeteiligt pfeifend aus dem Raum verziehen und sich einem die Haare sträuben … zu überarbeiten ist nicht nur Arbeit (sehr sehr viel Arbeit), sondern auch die Auseinandersetzung mit sich selbst und dem Wissen, dass man während dieses Kampfes viele Verluste ertragen muss. Von Nöten für dieses Vorhaben ist Objektivität! Und deshalb ist das erste, was du tust, nachdem du die Rohfassung deines Manuskripts beendet hast, folgendes: liegen lassen und Abstand nehmen. Ganz richtig. Stürze dich nicht direkt in das grenzenlose Vergnügen (ha-ha), sondern rühr das Manuskript erst einmal nicht an. Denk nicht zu viel darüber nach, lies nicht deine Lieblingsstellen, halte dich nicht mit Gedanken daran auf.

 

 

Während dieser Beziehungspause, solltest du dich ablenken. Dir ist vor einigen Wochen eine neue Idee gekommen? Schreib sie nieder! Du hast noch ein angefangenes Projekt rumliegen? Nimm die Arbeit daran wieder auf! Widme dich anderem. Wie lange du Abstand nehmen solltest, musst du entscheiden. Ich nehme mir da recht viel Zeit, so schwer mir das fällt, weil ich Dinge gerne schnell durchziehe und nicht lang fackel. Aber hier ist Geduld gefragt. Also nehme ich gerne einige Wochen Abstand. Bis ich nicht mehr daran denke und dann kommt der Tag, wo ich weiß, dass es weitergehen kann.

 

Ding Ding Ding – Runde 1

Jetzt kommt der Moment, in dem du mit deiner Story in den Ring steigst. Dafür solltest du Motivation und Ausdauer mitbringen. Und eine ordentliche Portion Selbstkritik. Wenn ich mit der Überarbeitung beginne, muss ich mich auf mein Urteilsvermögen verlassen können. Ich bin meine größte Kritikerin – was seine Vor- und Nachteile hat – beim Überarbeiten jedoch sehr praktisch ist. Ich bin rigoros, teilweise echt gemein zu mir selbst und habe nur eins im Auge: am Ende ein saugutes Manuskript zu produzieren. Mit diesem Mantra merze ich zunächst kleine Fehler aus, die mir im Schreibprogramm angezeigt werden. Zudem nehme ich auch kleinere Änderungen vor, die ich mir schon während des Schreibens notiert habe. Es ist also eine kleine Vorbereitung, bevor es an die richtige Überarbeitung geht, für die ich das Manuskript ausdrucke. Doppelseitig, 2 Seiten auf einer, nutzt gerne auch noch altes Schmierpapier (damit das schlechte Gewissen gegenüber den Bäumen nicht allzu groß wird) und mit Korrekturrand. Ich brauche diesen Mediumwechsel, da mir Fehler u.ä. schneller auffallen und ich schlicht besser arbeiten kann, wenn ich was in der Hand habe. Dabei arbeite ich bei den Markierungen und Anmerkungen mit vier Farben und diversen Symbolen.

Pink sind alle überaus wichtigen Infos, die absolut lebensnotwendig für den Plot sind oder ich im späteren Verlauf noch benötige. Pink markiertes wird Bestandteil dieses Manuskripts bleiben, egal was da komme. Mit Grün markiere ich schlechte/komische/unpassende Formulierungen. Blau stehen für Sinnlücken und mit Gelb markiere ich alles, bei dem ich denke, das es noch ausformuliert werden könnte. Am Rand merke ich Wiederholungen, Füllwörter, Adverben und Adjektive etc. an, Wörter oder Sätze, die komplett raus sollen, streiche ich durch. Achte darauf, ob du Passiv statt Aktiv benutzt, du 0815 Beschreibungen verwendet oder du dich an “show don’t tell” gehalten hast. Das alles mache ich Kapitel für Kapitel und nehme mir dabei nicht zu viel pro Tag/Woche vor. Änderungen und Anmerkungen sollten mit Bedacht gemacht werden und mit Sinn und Verstand. Mein Ziel für diese Runde: dass jede Seite so bunt wie der Regenbogen und kein freier Platz mehr für Anmerkungen ist. Wenn ich durch bin, pflege ich alles digital ein uuuund …

 

Runde 2 ist eröffnet

Und in dieser Runde bekommst du Rückenstärkung in Form von deinen Betalesern, die du im Vorfeld ausgewählt hast. Mittlerweile habe ich einen kleinen Kreis von Leuten, denen ich diese Arbeit anvertraue, denn ich erwarte vor allem eins von ihnen: Kritik und Ehrlichkeit! Ich hatte einmal einen Testleser, der nichts anzumerken hatte und alles super toll fand, das hat mir zwar zuerst geschmeichelt, aber mir auch gezeigt, dass es kein geeigneter Betaleser ist. Denn die Rohfassung ist zwar einmal durch die Überarbeitung gegangen, bevor ich sie in fremde Händ gebe, allerdings noch weit entfernt vom Endprodukt. Meinen Betas, gebe ich einen Fragebogen mit, den ich ihnen an jedes Kapitel anhänge und an den ich mich selbst auch halte, wenn ich überarbeite. Da ich dafür positives Feedback erhielt, teile ich ihn mal mit dir:


 

 

Kapitelfragebogen

 

Welcher Charakter hat Dir am wenigsten gefallen und warum?

Welche Szenen waren am … spannendsten? langweiligsten? unglaubwürdigsten?

Gab es eine Stelle, ab der du am liebsten nicht weitergelesen hättest? Welche und warum?

Sind die Beschreibungen für dich ausreichend / zu detailliert?

Gibt es Fragen, die am Ende des Kapitels offen bleiben?

Wie gefällt Dir die Handlung innerhalb des Kapitels?

Wie gefällt Dir die Einleitung und das Ende des Kapitels?

Empfindest du den Schreibfluss als fließend?

Sind Dir Sinnlücken aufgefallen?

Gelingt der Bezug auf vorherige Handlungen/ Szenen?

Empfindest du Szenen oder Charaktere als überflüssig?

Sind die Ziele, Intentionen und Motive der Charaktere glaubwürdig und verständlich?

Sind die geführten Dialoge notwendig bzw. richtig umgesetzt?

Sind die Figuren durch besondere Eigenschaften greifbar oder erscheinen sie „langweilig“?

Ist eine Entwicklung der Figuren im Kapitel spürbar? Und sind/ handeln diese authentisch?

Gibt es unerwartete Wendungen? Wenn nein, gibt es in diesem Kapitel Potenzial für eine?

Sollten Szenen gekürzt oder vertieft werden?

Willst du nach diesem Kapitel wissen, wie es weitergeht?

Wie gefällt Dir der Kapitelname? Gibt es bessere Optionen?

 


 

Kräfte sammeln für Runde 3

Denn das könnte jetzt nicht einfach werden, wenn dir Kritik Bauchschmerzen verursacht. Dein Baby in fremde Hände abzugeben war schon hart, aber sich jetzt auch noch anzuhören, dass es nicht so toll ist, wie du immer dachtest, kann schnell runterziehen. Deswegen denk immer daran: Kritik ist gut! Denn sie wird dich weiterbringen. Vor allem dein Projekt. Wenn deine Betas mit Word gearbeitet haben, ist das von Vorteil, weil du die Dokumente dann ganz einfach zusammenführen kannst und alle Kommentare in einer Datei hast. Ich gehe alle von Anfang bis Ende durch, merze Fehler aus, mache Anpassungen und denke über Verbesserungsvorschläge nach. Auch die Bemerkungen im Fragebogen binde ich in dieser Überarbeitungsrunde ein. Dabei ändere ich nicht immer alles sofort, sondern mache mir oft weitere Kommentare in die Datei, um erstmal abzuwägen, wie oder ob ich etwas ändere. Denn du solltest deinen Betas zwar Vertrauen schenken, aber das heißt nicht, dass ihr Wort Gesetz ist. Du musst nichts ändern, aber versuch zu verstehen, wieso dieser eine Punkt angemerkt wurde. Sprich mit deinem Beta und frag ihn. Sollten 4 von 5 Betas ein Problem mit derselben Sache haben … dann denk gut nach, bevor du die Kritik ausschlägst. Selbstreflektion ist hier unentbehrlich! Wenn du besonders engagierte Betas hast (wie ich 😍) lassen sie sich vielleicht sogar zu Brainstorming-Runden überreden, in denen ihr ganz spezielle Probleme, Lücken etc. ausdiskutieren könnt, um eine Lösung zu finden.

 

Runde 4 – Das Finale

Die finale Runde. In der die Betas und ich jeweils die aktuelle Fassung überarbeiten, wie in Runde 1 und 2. Es wird bunt markiert und angemerkt. Dabei benutzen alle wieder den Fragebogen (der meist spezifischer gestellt ist als zuvor) und den ich auf Basis der größten Kritikpunkte erstelle, um zu erkennen, ob ich diese Fehler beseitigen konnte. Wenn alle fertig sind, führe ich die Dateien wieder zusammen, pflege meine eigenen Kommentare digital ein und setzte mich damit auseinander, was noch bemängelt wurde. Diese Überarbeitungsschleifen kannst du theoretisch so oft wiederholen, wie du willst (und deine Betas das mitmachen), aber ich mache meist einen Cut, wenn ich bei Fassung Vier oder Fünf bin.

Nach dem halben Jahr überarbeiten (denn ich gebe meinen Betas bei einer Normseitenanzahl von ca. 700/750 durchschnittlich drei Monate pro Überarbeitungsrunde Zeit), muss auch mal gut sein. Wenn deine Betas und du gewissenhaft gearbeitet habt, liegt dir nun eine Fassung vor, die neben deiner Rohfassung sehr viel reifer und farbenfroher ist. Du wirst jetzt verstehen, was der Satz “Die erste Fassung ist immer Mist!” wirklich bedeutet und du wirst ihn bestätigen können. Als ich meine finale Fassung für die Agenturen mit meiner Rohfassung verglichen habe, musste ich lächeln. Zum einen, weil ich es ziemlich lustig fand, was ich damals als “gut” befunden hatte, zum anderen, weil ich stolz darauf war, was ich daraus gemacht hatte. Und weil ich mein altes Ich ausgelacht habe, das die erste Fassung geschrieben hat.

 

 

Und nun noch ein paar Tipps:

1. Um beim Überarbeiten konzentriert zu arbeiten, brauche ich absolute Ruhe. Das heißt auch keine Musik (und das kommt von MIR). Manchmal mache ich Ausnahmen, um Atmosphäre aufzubauen, aber wenn in den seltenen Fällen, in denen ich Musik höre, dann ausschließlich welche ohne Text. Das obliegt aber deiner Entscheidung 😊

2. Es hilft laut mitzureden. Du: “Ernsthaft Anna? Ich soll mir 600 +/- Seiten selbst laut vorlesen?” Jaa ich weiß, das nimmt Zeit in Anspruch, hilft aber ungemein, um den Klang eines Satzes zu realisieren. Oft hört man erst, wie gut oder schlecht er ist, wenn man sich ihn laut vorliest. Natürlich lese ich nicht immer jeden Satz laut vor, aber Schlüsselszenen, Anfang/Ende oder Sätze, über die ich stolper, lese ich laut. By the way: digitale Welt und so … so ziemlich jedes Schreibprogramm besitzt eine Sprachausgabe.

3. “Kill your darlings!” – sei böse und skrupellos, denn anders wirst du sie nicht los. Ich weiß wie schwer das fällt und leide mit dir … ich musste da auch durch und habe mich anfangs schwergetan. Wie lange habe ich versucht eine Szene in der Story zu behalten, einfach, weil ich riesigen Spaß beim Schreiben davon hatte oder mein Lieblingschara vorkommt oder jemand einen absolut grandiosen Spruch von sich gibt. Diese Szene überstand jede Runde, bis ich mich am Ende damit konfrontieren musste, was ich von Beginn an gewusst hatte: sie war unnötig. Sie brachte meine Story nicht voran, war eine von viel zu vielen Verfolgungsjagden und und und. Schlussendlich habe ich sage und schreibe ca. 200 Seiten gestrichen. Das tat weh, aber somit hatte ich am Ende eine sehr viel bessere, flüssigere und glattere Story. Und mein Lieblingschara hat eine andere, neue Szene bekommen, in der ich den absolut grandiosen Spruch einbauen konnte und die für den Plot zielführend war.

4. Und zuletzt: Achte darauf, dass du die Prämisse einbeziehst. Gibt es Konflikte? Hast du den Spannungsbogen ordentlich gehalten? Gibt es auch mal Verschnaufpausen? Werden alle Sinne angesprochen?

So! Geschafft!

ENDE ?

Aber nein. Jetzt geht es erst richtig los!