Schreibtipps,  Überarbeiten

#4.1 It’s a match – Betaleser finden

Betaleser zu finden ist einfach. Gute Betaleser zu finden dagegen ist deutlich schwerer, grenzt aber nicht an der Unmöglichkeit. Als ich damals Lovely Faces I beendete, war ich voller Tatendrang. Allerdings musste ich auch schnell feststellen, dass noch etwas ganz Essentielles fehlte: Betaleser. Wenn du gerade an diesem Punkt bist und denkst, dass du absolut nicht weißt, was zutun ist, lass dir gesagt sein:

 

 

Lass uns erst einmal klären, was Betaleser überhaupt für Wesen sind. Essentiell sind sie, das wissen wir schonmal. Da du nach langer Auseinandersetzung mit deinem Projekt und der Überarbeitung mehr oder weniger betriebsblind bist und jeder ein unterschiedliches Maß an Selbstkritik innehat, benötigst du weitere Augenpaare und schlaue Köpfchen. Rechtschreibung und Grammatik sollte in diesem Zuge auch geprüft werden, ich setze meine Betas aber ganz spezifisch auf den Inhalt an (Logik, Spannungsbogen, Charaktere). Wenn du weißt, wo deine Schwächen liegen, kannst du deine Betas noch zielführender auf die Reise schicken, denn sie sind da, um dir diesbezüglich zu helfen und punkten mit ihrer objektiven Meinung.

Für die Überarbeitung hänge ich meinen Betas hinter jedes Kapitel einen Fragebogen an, der auf das jeweilige Projekt abgestimmt ist. Den Fragebogen habe ich in #4 Überarbeiten oder: mit dem Manuskript in den Ring steigen zur Verfügung gestellt.

 

Wo wirst du fündig?

1. Foren. Zu meiner Verwunderung sind diese lange nicht so bekannt, wie ich annahm. Ich kann dir nur empfehlen dich bei Schreibforen zu registrieren, nicht bloß um Betaleser, sondern auch Motivation und Inspiration zu finden. Besonders die Schreibnacht liegt mir sehr am Herzen, ist aber neben dem Tintenzirkel nicht das einzige Forum dieser Art. Auch Seiten wie LovelyBooks und FanFiction.de bieten Threads für die Betaleser-Suche an. In all diesen Foren bieten sich also aktiv Leute als Betaleser an oder man kann aktiv eine “Anzeige schalten”. Das hat mich damals große Überwindung gekostet, weil ich bis dato nie mit jemandem über das Schreiben gesprochen hatte. Aber es lohnte sich, denn schnell meldeten sich zahlreiche Mitglieder und hatten Interesse betazulesen. Darunter auch eine Betaleserin, die ich heute nicht mehr missen möchte und zu einer guten Freundin geworden ist.

2. Social Media. Auch auf Plattformen wie Facebook gibt es Schreibgruppen, die sich recht simpel finden lassen und denen du beitreten kannst, um nach geeigneten Betalesern zu suchen. Je nach dem wie vernetzt du in der Schreibcommunity bist, kannst du auch Instagram nutzen oder jemanden fragen, von dem du weißt, dass er online gut mit Gleichgesinnten verknüpft ist, um eine Story zu posten, indem er/sie auf dich und dein Anliegen verweist.

3. Familie und Freundeskreis. Obacht! Einige Autoren vermeiden es tunlichst ihre Manuskripte einem Familienmitglied oder Freunden zu geben. Wieso? Mama würde aus dem Schwärmen gar nicht mehr herauskommen und schonmal den Kaminsims für den ersten Oscar deiner Buchverfilmung räumen. Die blöden Kommentare deines Bruders über die besonders kitschige Liebesszene wird zur Anekdote jeder Familienfeier. Und so weiter. Kurz: Familie und Freunde urteilen meist subjektiv, kritisieren dich gar nicht oder nicht konstruktiv. Jetzt denkst du dir: “Wieso nennst du diesen Punkt denn dann, Anna?” Weil ich sowohl eine meiner besten Freundinnen als auch ein Familienmitglied als Betaleser habe, denn das kann durchaus hervorragend funktionieren. Du musst nur einschätzen können, ob sie das Zeug dazu haben und ob du mit der Kritik eines Menschen zurecht kommst, dem du so nahe stehst.

 

 

Das Auswahlverfahren

Ich kann dir nur raten einen langfristigen Pool aus Betalesern aufzubauen, mit denen du eine Beziehung aufbauen willst und kannst. Ein eingespieltes Team arbeitet besser miteinander, Schwächen und Stärken sind bekannt und man weiß, wie der jeweils andere tickt. Außerdem musst du dich nicht immer wieder aufs Neue fragen, wie vertrauenswürdig der Mensch auf der anderen Seite des Bildschirms wirklich ist. Was macht also eine gute Autor-Betaleser-Beziehung aus?

1. Vertrauen. Ganz klar, oder? Ohne Vertrauen geht es einfach nicht, denn du offenbarst mit der Übergabe deines Manuskripts Dinge von dir, die nur wenige sehen. Du wirst Schwächen zeigen, dich praktisch auf den Barberstuhl setzen und deine Kehle darbieten … und da möchte man nicht unbedingt Sweeney Todd hinter sich wissen.

2. Zuverlässigkeit. Falls du Deadlines setzt, was ich empfehle, dann musst du dir sicher sein können, dass diese eingehalten werden. Bei einer Woche Verzug kann ein Auge zugedrückt werden, immerhin ist es ein ganzer Batzen Arbeit mehrere hundert Seiten Korrektur zu lesen. Wenn aber im Voraus ein bestimmter Zeitraum abgemacht wurde, mit dem alle zufrieden waren, aus drei Monaten dann aber ein halbes Jahr wird und dich eines Tages die Nachricht erreicht, dass derjenige immer noch nicht angefangen hat und das auch niemals schaffen wird, ist das extrem ärgerlich und für beide Seiten Zeitverschwendung.

3. Ehrlichkeit. Wohl das A und O, denn was bringt dir ein Betaleser, der nicht ehrlich ist? Richtig, leider gar nichts. Halte nach Menschen Ausschau, die sich nicht davor scheuen konstruktive Kritik zu äußern. Ich hatte einmal einen Betaleser, der einfach alles toll fand und eine handvoll Kommentare in einem über 800-Seiten Mansukript hinterließ (zum Vergleich: eine handvoll Kommentare mache ich teilweise in einem Abschnitt von zehn Zeilen). Da fühlt man sich zwar kurz geschmeichelt, aber ich als einer meiner größten Kritiker wusste, dass es nichts mit uns beiden werden würde. Du solltest deinen Lesern das Gefühl geben, dass sie ehrliche Kritik äußern können und sie auch aktiv darum bitten.

4. Respekt. Dieser Punkt steht in enger Verbindung zu den vorherigen. Ein respektvoller Umgang miteinander sollte obligatorisch sein. Nimm die Arbeit, die sich deine Betaleser machen nicht als eine Selbstverständlichkeit hin, lass dir nicht auf der Nase rumtanzen, erkenne böswillige Kritik und sei nicht eingeschnappt, wenn dein Beta mal etwas nicht so toll findet, wie du erwartet hast.

Bei der Auswahl deiner Betas solltest du zwar auf deinen Kopf hören, aber vertrau auch auf dein Bauchgefühl. Zöger nicht das Verhalten der Leute in den Foren ein wenig näher unter die Lupe zu nehmen und dir einen ersten Eindruck zu verschaffen. Sei ganz transparent, erkläre, was du von einem Betaleser erwartest und erzähl ein bisschen von dir.

Noch ein kleiner Tipp: Das ist alles ein Geben und Nehmen. Wie wäre es also dich selber als Betaleser anzubieten, wenn du Zeit, Lust und das Gespür dafür hast?

Und wer weiß, vielleicht entdeckst du bei deiner Suche jemanden und denkst dir: It’s a match!

Jetzt musst du nur noch an die Nummer kommen …